Brief des Kultusministers

Sehr geehrte Damen und Herren,
vor mehr als zwei Monaten wurde der Unterrichtsbetrieb an den
bayerischen Schulen eingestellt, um die Ausbreitung des Corona-Virus
einzudämmen.
Seither befinden sich nicht nur unsere Schulen, sondern auch die Familien
in unserem Land gewissermaßen in einer Ausnahmesituation. Ich weiß,
welche Herausforderungen für Sie als Eltern bzw. Erziehungsberechtigte
mit dieser Situation verbunden sind und waren. Für Eltern von Kindern mit
Behinderungen oder in besonderen Lebenslagen gilt dies noch einmal in
verstärktem Maß.
Unter diesen Umständen weiterhin einen familiären „Alltag“ zu organisieren,
der den verschiedenen Anforderungen von Schule, Betreuung und Arbeit
gerecht wird, geht bei vielen an die Belastungsgrenze – erst recht, wenn
noch konkrete Sorgen um nahestehende Menschen oder die eigene
Zukunft hinzukommen. Für alles, was Sie in den zurückliegenden Wochen
geleistet haben, möchte ich Ihnen daher an dieser Stelle – auch im Namen
Der Bayerische Staatsminister
für Unterricht und Kultus
Prof. Dr. Michael Piazolo, MdL
von Frau Staatssekretärin Anna Stolz – noch einmal meinen herzlichen
Dank aussprechen.
Zuletzt habe ich mich am 21. April direkt an Sie gewandt. Damals hatten wir
gerade ins Auge gefasst, die Abschlussklassen an den weiterführenden
und beruflichen Schulen in den Präsenzunterricht zurückzuholen, um diese
Schülerinnen und Schüler weiterhin gut auf ihre bevorstehenden
Abschlussprüfungen vorbereiten zu können. Eine Öffnung der Schulen für
weitere Jahrgangsstufen ließ der Infektionsschutz zu diesem Zeitpunkt
nicht zu. Daher haben wir seither für die übrigen Jahrgangsstufen das
„Lernen zuhause“ unter den Rahmenbedingungen, die ich Ihnen in dem
genannten Schreiben geschildert habe, fortgesetzt.
Wie Sie wissen, setzen wir den behutsamen Kurs, die Schulen schrittweise
und unter besonderen Hygienevorgaben für weitere Jahrgangsstufen zu
öffnen, in diesen Tagen fort. Dabei stellt der Infektionsschutz die oberste
Richtschnur dar.
Seit 11. Mai sind auch die Klassen, die im kommenden Jahr ihren
Abschluss machen, und die Jahrgangsstufe 4 der Grundschulen und der
entsprechenden Förderschulen an den Schulen zurück. Unterrichtet wird in
aller Regel in geteilten Gruppen, um in den Klassenräumen den
erforderlichen Mindestabstand einhalten zu können. Schülerinnen und
Schüler, Lehrkräfte und sonstiges Personal sowie Besucherinnen und
Besucher sind zudem angehalten, außerhalb des Unterrichts einen Mundund
Nasenschutz zu tragen, da es hier extrem schwierig ist, den
Mindestabstand einzuhalten.
Ab Montag, den 18. Mai 2020, kehren dann die jeweils untersten
Jahrgangsstufen der allgemeinbildenden Schulen in den Präsenzunterricht
zurück. An den Grundschulen sind dies die Erstklässlerinnen und
Erstklässler, an den Mittelschulen die Jahrgangsstufe 5, an Realschulen
und Gymnasien die Jahrgangsstufen 5 und 6 und zusätzlich an den
Wirtschaftsschulen die jeweils unterste Jahrgangsstufe. Das gilt
grundsätzlich ebenso für die entsprechenden Förderschulen; genauere
Informationen zu den einzelnen Förderschwerpunkten finden Sie auf
unserer Homepage.
Auch diese Klassen werden in aller Regel geteilt, wobei sich die beiden
Gruppen in den meisten Fällen wochenweise (im Einzelfall ggf. auch
tageweise) mit dem Schulbesuch abwechseln. Die Gruppe, die sich jeweils
nicht in der Schule befindet, setzt in dieser Zeit das „Lernen zuhause“ fort.
Zur organisatorischen Umsetzung des Präsenzunterrichts bzw. zur
Gruppeneinteilung werden Sie bereits direkt von Ihrer Schule Informationen
erhalten haben.
Die Schulen sind bestrebt, ein stabiles und verlässliches
Unterrichtsangebot umzusetzen. Gleichzeitig sind die Möglichkeiten der
Schulen aktuell stark eingeschränkt: So sind beispielsweise durch die
Gruppenteilungen in den Abschlussklassen zusätzliche Räume belegt, die
dann an anderer Stelle fehlen. Lehrkräfte, die mit Blick auf Covid-19 einer
Risikogruppe angehören, stehen u. U. nicht für den Einsatz an der Schule
zur Verfügung. Andere Lehrkräfte werden für die Fortsetzung der
Notbetreuung benötigt. Ich bitte Sie daher um Verständnis, dass der
Unterricht in der Schule vielfach nur in reduziertem Umfang stattfinden
kann.
Nach den Pfingstferien wollen wir – sofern sich das Infektionsgeschehen
weiterhin günstig entwickelt – schließlich auch alle übrigen Jahrgangsstufen
in die Schulen zurückholen, freilich ebenfalls in dem oben beschriebenen
Wechsel zwischen Präsenzunterricht und „Lernen zuhause“. Welche
Klasse bzw. welche Gruppe wann in der Schule sein wird, erfahren Sie
dann direkt von Ihrer Schule. Bis dahin bitte ich Sie noch um etwas Geduld.
In den meisten Klassen bzw. Jahrgangsstufen wird es somit in den
kommenden Wochen in aller Regel zu einem Wechsel von
Präsenzunterricht in der Schule und „Lernen zuhause“ kommen (mit
Ausnahme der Abschlussklassen sowie – bis Pfingsten – der
Jahrgangsstufe 4 an den Grundschulen).
Aus pädagogischer Sicht ist es dabei wichtig, das „Lernen zuhause“ und
den Präsenzunterricht eng zu verknüpfen. Beide Phasen bilden im Grunde
eine Einheit, die die verschiedenen Teilgruppen einer Klasse in der Regel
zeitversetzt durchlaufen.
Dabei werden die im Präsenzunterricht bearbeiteten Inhalte und
vermittelten Kompetenzen in der Phase des „Lernens zuhause“ geübt,
gefestigt und vertieft. In enger Verbindung mit dem Präsenzunterricht kann
zuhause auch Wissen erweitert werden – allerdings mit Augenmaß. Die
Themen, die die Lehrkräfte dafür auswählen, müssen sich hinsichtlich
Umfang, Schwierigkeitsgrad, Vorkenntnissen und vorhandenen
Kommunikationswegen dafür eignen. Wichtig ist auch, dass sie von
zentraler Bedeutung für die nächsthöheren Jahrgangsstufen sind. Die
genaue Umsetzung liegt in den Händen der Lehrkräfte.
Grundsätzlich können analoge wie digitale Kommunikations- und
Vermittlungswege genutzt werden. Die Lehrkräfte berücksichtigen bei der
Auswahl die Schulart, das Alter und den Lernstand der Schülerinnen und
Schüler genauso wie die häuslichen Voraussetzungen. Dies kann durchaus
zu unterschiedlichen pädagogischen und organisatorischen
Herangehensweisen führen.
Die Lehrkräfte werden während des „Lernens zuhause“ weiterhin Kontakt
zu ihren Schülerinnen und Schülern halten und sie (z. B. in Telefon- oder
Videosprechstunden oder Videokonferenzen via Internet) begleiten.
Voraussetzung für eine gelingende Kommunikation ist freilich, dass die
Schülerinnen und Schüler auf die angebotenen
Kommunikationsmöglichkeiten auch zuverlässig zurückgreifen.
Sie als Eltern bzw. Erziehungsberechtigte bitte ich, Ihre Kinder zu
unterstützen, indem Sie mit ihnen einen Tagesablauf festlegen, eine
passende Lernumgebung ermöglichen und – je nach Alter – ggf. die
Erledigung der erteilten Arbeitsaufträge prüfen. Ich möchte an dieser Stelle
noch einmal betonen: Auch in den kommenden Wochen können und sollen
Sie die Lehrkraft nicht ersetzen!
Die Schulen werden zudem große Anstrengungen unternehmen, für
Schülerinnen und Schüler der Jahrgangsstufen 1 bis 6, die während der
Phasen des „Lernens zuhause“ nicht zuhause betreut werden können,
weiterhin eine Betreuung in der Schule zu ermöglichen. In den Pfingstferien
soll – wie schon in den Osterferien – ebenfalls ein Betreuungsangebot
aufrechterhalten werden. Nähere Informationen erhalten Sie noch direkt
von der Schule.
Trotz des enormen Einsatzes der Lehrkräfte und der Berücksichtigung der
Erfahrungen der letzten Wochen wird auch in Zukunft nicht immer alles
klappen – dies zu erwarten, wäre angesichts der Herausforderungen,
denen wir uns derzeit gegenübersehen, in meinen Augen vermessen.
Umso wichtiger ist daher, dass Sie den Lehrkräften eine kurze
Rückmeldung geben, wenn es wiederholt größere Probleme gibt. Genauso
wichtig – und auch das möchte in diesem Zusammenhang nicht unerwähnt
lassen – sind Feedback und Anerkennung, wenn etwas gut gelingt.
Viele Schüler, Eltern und Lehrkräfte haben in den letzten Tagen berichtet,
dass der „erste Schultag nach Corona“ für sie ein ganz besonderer war –
und dies nicht nur wegen der Hygienevorgaben und der ungewohnten
Atmosphäre im Schulhaus. Die langen Wochen der Schulschließungen
ohne das gewohnte soziale Umfeld haben bei vielen tiefe Eindrücke
hinterlassen.
Umso wichtiger ist es mir, dass wir unseren Schülerinnen und Schülern nun
eine Phase des Ankommens ermöglichen.
Dazu gehört auch, dass bis zum Schuljahresende in aller Regel keine
verpflichtenden Leistungsnachweise mehr stattfinden. Die Noten für das
Jahreszeugnis werden grundsätzlich auf Basis der bisher erbrachten
Leistungsnachweise gebildet. Nur in wenigen Ausnahmefällen kann die
Durchführung von Leistungsnachweisen zur Bildung der
Jahresfortgangsnote noch erforderlich sein. Freiwillige Leistungsnachweise
sind zur Notenverbesserung grundsätzlich weiter möglich. Während des
„Lernens zuhause“ finden wie bisher keine Leistungsnachweise statt.
Weitere aktuelle Informationen zum Schulbetrieb bis zum Schuljahresende
finden Sie auf der Homepage des Kultusministeriums unter
www.km.bayern.de.


Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Eltern,
wenn die Schülerinnen und Schüler in den nächsten Tagen und Wochen
Schritt für Schritt in die Schulhäuser zurückkehren, werden viele dies
wenigstens als einen kleinen Schritt hin zum gewohnten Alltag empfinden.
Dass die rückläufigen Infektionszahlen diesen Schritt ermöglichen, ist auch
Ihr Verdienst. Sie waren in den zurückliegenden Wochen der
Schulschließung in besonderer Weise für Ihre Kinder da und haben so zu
einer Eindämmung des Virus beigetragen. Auch dafür sage ich Ihnen
meinen aufrichtigen Dank, in den ich die vielen Elternvertreter vor Ort
einschließe, die als Klassenelternsprecher, Elternbeiräte oder Unterstützer
in vielfältiger Weise hilfreich tätig waren.
Von einer Rückkehr zur Normalität sind wir derzeit leider noch weit entfernt,
die weitere Entwicklung des Infektionsgeschehens ist nach wie vor nicht
absehbar. Daher bitte ich Sie auch für die kommenden Wochen um Ihre
Unterstützung, Ihr Verständnis und Ihre Geduld bei allen Maßnahmen, die
dem Schutz vor dem Corona-Virus dienen.

Mit freundlichen Grüßen